Wissenschaft

Europa trotz Warnungen unzureichend auf steigende Hitze vorbereitet

Auf einen Blick

Was ist passiert

Während Europa mit Rekordtemperaturen im Juni konfrontiert ist, stellen Expertinnen und Experten die Frage, warum der Kontinent trotz jahrzehntelanger Warnungen anfällig für Hitzewellen bleibt.

Warum es wichtig ist

Angesichts steigender hitzebedingter Todeszahlen und versagender Infrastruktur auf dem gesamten Kontinent stellt die aktuelle Hitzewelle die Grenzen der europäischen Klimaanpassungsstrategien und der öffentlichen Gesundheitssysteme auf die Probe.

Was als Nächstes zu beobachten ist

Die Behörden werden die Mortalitätsdaten sowie die Stabilität kritischer Infrastruktur wie Stromnetze und Kernreaktoren überwachen, während die Hitzewelle weiterhin über Nord- und Westeuropa hinwegzieht.

Europa erlebt derzeit die schwerste und weitverbreitetste Hitzewelle seit Beginn der Aufzeichnungen – eine Entwicklung, die angesichts jahrzehntelanger wissenschaftlicher Warnungen drängende Fragen zur Hitze-Vorsorge des Kontinents aufwirft. Wie The Guardian berichtet, hat die drückende Hitze nationale Rekorde in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz gebrochen; in Frankreich wurde sowohl der heißeste Tag als auch die heißeste Nacht seit Aufzeichnungsbeginn gemessen. Die Situation hat den Alltag erheblich beeinträchtigt, zu vorzeitigen Schulschließungen geführt und gefährliche Bedingungen für gefährdete Bevölkerungsgruppen geschaffen.

Die Auswirkungen der steigenden Temperaturen sind in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen und in der Infrastruktur deutlich spürbar. In England haben mehrere Krankenhäuser wegen der Hitze kritische Vorfälle gemeldet. Laut The Guardian sind Kühlanlagen ausgefallen und kritische IT-Systeme ausgefallen, was die Gesundheitsversorgung zusätzlich belastet. Schulen, Arbeitsplätze und Bahnstrecken sind durch die extremen Bedingungen ebenfalls in Chaos gestürzt. Gleichzeitig sind in mehreren Regionen Waldbrände ausgebrochen, was die Einsatzkräfte vor weitere Herausforderungen stellt.

Frankreich war von besonders schweren Folgen dieser Hitzewelle betroffen. Berichten zufolge sind mehr als 55 Menschen beim Versuch, sich abzukühlen, ertrunken, und vier kleine Kinder sind in überhitzten Autos ums Leben gekommen. Auch die physische Infrastruktur ist betroffen: Zwei Kernreaktoren mussten wegen fehlenden Kühlwassers abgeschaltet werden. Diese Vorfälle verdeutlichen die vielschichtigen Risiken extremer Hitze – von Gefahren für die öffentliche Sicherheit bis hin zur Energieversorgungssicherheit. The Guardian weist darauf hin, dass die Hälfte aller Wohnhäuser in Frankreich nur unzureichend vor starker Hitze geschützt ist, ein Faktor, der die Gesundheitsrisiken für die Bewohnerinnen und Bewohner verschärft.

Die aktuelle Hitzewelle weckt Erinnerungen an den verheerenden Sommer 2003, als in Europa rund 70.000 Menschen starben. Pierre Masselot, Umweltepidemiologe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, bezeichnete das aktuelle Wetter als Erinnerung an jene frühere Tragödie. Masselot, der die Hitzewelle von 2003 als Teenager erlebte, erklärte, die „Ausnahmen von früher seien heute zur Normalität geworden”. Er betonte, dass Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler seit Langem eine Zunahme solcher Ereignisse prognostiziert hätten: „Jetzt ist es schmerzlich offensichtlich, dass dies der Fall ist.”

Besonders besorgt zeigen sich Expertinnen und Experten für öffentliche Gesundheit über die sengenden Nachttemperaturen. Laut The Guardian ergab eine schnelle Attributionsstudie von World Weather Attribution (WWA), dass diese nächtlichen Tiefstwerte rund 100-mal wahrscheinlicher sind als 2003. Tagsüber liegende Spitzenwerte sind demnach etwa zehnmal wahrscheinlicher; da die Temperaturen nachts jedoch nicht sinken, kann sich der menschliche Körper nicht von der Hitzebelastung erholen, was das Sterberisiko erheblich erhöht. Die WWA-Studie kam zudem zu dem Schluss, dass diese Hitzewelle vor 50 Jahren zu dieser Jahreszeit „praktisch unmöglich” gewesen wäre.

Warnsysteme und Anpassungslücken

Nach der Katastrophe von 2003 hatten europäische Regierungen Frühwarnsysteme eingeführt, die mit schnellen Reaktionen verknüpft sind. Diese Anpassungsmaßnahmen – darunter Reisebeschränkungen, Schulschließungen und die Absage nicht dringender Krankenhaustermine bei Hitzespitzen – haben teilweise Wirkung gezeigt. Von The Guardian zitierte Forschungsergebnisse zeigen, dass die Sterblichkeitsraten heute deutlich weniger empfindlich auf Temperaturschwankungen reagieren. Einer Studie zufolge wäre die projizierte Todeszahl bei einer Hitzewelle gleicher Stärke wie 2003 heute um 75 Prozent niedriger.

Es bestehen jedoch Bedenken, dass die Anpassungsbemühungen mit dem sich beschleunigenden Klimawandel nicht Schritt halten. Hitzewellen werden heißer, länger und häufiger, angetrieben von steigenden Konzentrationen planetenerwärmender Schadstoffe. The Guardian berichtet, dass Frühwarnsysteme bereits vor Beginn des Sommers aktiviert wurden, nachdem ein Schock-Hitzemonat im Mai den historischen Temperaturrekord Großbritanniens für diesen Monat um 2 °C übertroffen hatte. Trotz dieser Warnungen hat die aktuelle Hitzewelle weite Teile des Kontinents weiterhin in die Knie gezwungen – ein Hinweis darauf, dass die bisherigen Maßnahmen für die neuen Extreme womöglich nicht ausreichen.

Regionale Auswirkungen und künftige Risiken

Die Belastung der Unterstützungssysteme ist auf dem gesamten Kontinent spürbar. Deutsche Welle (DW) berichtet, dass extreme Temperaturen Europa überrollen und mehrere Länder ihre jemals gemessenen Juni-Höchststände verzeichnen. Der Sender wies darauf hin, dass die Hilfsdienste mit der Lage kaum Schritt halten können, wodurch gefährdete Gruppen wie ältere Menschen und Obdachlose zunehmend gefährdet sind. Dies deckt sich mit Berichten aus Großbritannien, wo Eltern per Kurznachricht von Kindertagesstätten gebeten wurden, ihre Kinder früher abzuholen, da die Gebäude gefährlich heiß wurden.

Vorausblickend deutet der Verlauf der globalen Erwärmung darauf hin, dass solche Ereignisse noch schwerwiegender werden. The Guardian prognostiziert, dass bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein heute geborenes Kind das Alter erreicht, das Masselot im Jahr 2003 hatte – 14 Jahre –, die globale Erwärmung voraussichtlich das von den Staats- und Regierungschefs zugesagte 1,5-°C-Ziel überschritten haben wird. Hans Kluge, Europachef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), unterstrich die Schwere der Krise und verwies darauf, dass nach WHO-Schätzungen in den vergangenen vier Jahren 200.000 Menschen in Europa hitzebedingt gestorben sind. „Die Tragödie hat zwei Dimensionen”, so Kluge. „Erstens waren die meisten dieser Todesfälle vollständig vermeidbar; und zweitens ist dies nur die Spitze des Eisbergs.”

Die rasante Erwärmung Europas wird auf lokale Wettermuster und die Nähe des Kontinents zur schnell schmelzenden Arktis zurückgeführt. Die Klimakrise heizt Europa schneller auf als jeden anderen Kontinent – ein Umstand, der die Dringlichkeit der Lage unterstreicht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von WWA schlossen einen Einfluss von El Niño als Ursache der aktuellen Hitzewelle aus und machten ausschließlich den menschengemachten Klimawandel verantwortlich. Während der Kontinent mit der akuten Krise ringt, bleibt die Frage im Mittelpunkt, ob langfristige Anpassungsstrategien in ausreichendem Maßstab hochgefahren werden können, um der wachsenden Bedrohung zu begegnen.

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